Timm Ulrichs über Gilla Cardaun





Timm Ulrichs über Gilla Cardauns Schuhwerk

(Auszug aus einem Katalogbeitrag 2002)

Unter allen künstlerischen Schuh-Machern ist Gilla Cardaun sicherlich die obsessivste und passionierteste: Seit 1979 hat sie in mehr als hundert Werken, das Terrain ausgeschritten, ohne je – um im Sprachbild zu bleiben – augetretene Pfade zu gehen; vielmehr ist sie, virtuos und gleichsam getragen von beflügelnd-geflügelten Schuhen der Phantasie, immer wieder zu Überraschungen und unterschiedlichsten Bilder-Findungen und Bild-erfindungen gelangt; das betrifft sowohl die materiale Seite – es gibt Gestaltungen mit realen Fundstücken wie auch solche in Keramik und Bronze – als auch die Themenstellungen. Das eine Frau sich damit so eindringlich befaßt, mag man als naheliegend ansehen: Sind Herrenschuhe und -stiefel Kleidungsstücke, die keine allzu große Aufmerksamkeit beanspruchen, werden sie bei Frauen – weil sie und Männer es gern so wollen – zu wesentlichen Attributen der erotisch-sexuellen Ausstattung , die gar Zwangskarakter annehmen kann, wenn der Gang durch die Schuhe nicht erleichtert, sondern erschwert wird bis hin zu Formen folternder Behinderung. Zumal der verkrüppelte „Lilienfuß“ der Chinesinnen, von Gilla Cardaun auch thematisiert, gibt zu denken, handelt es sich doch um Prozeduren schmerzhaftester Gängelung, die derAnpassung „spanischer Stiefel“ kaum nachsteht: „Ruckegeduh, Blut ist im Schuh“. Das Schönheit erlitten werden muß, findet sich als Bildgedanke mehrfach in den cardaunschen Schuh-Metamorphosen; auch das Verhältnis von Frau zu Mann wird in den Schuh-Paaren angesprochen:Ungleiche Paare treffen im Geschlechterkampf aufeinander (und oft genug steht der Mann dabei unterm Pantoffel), man schlägt sich und verträgt sich, geht nebeneinander her, entzweit sich, ohne doch je ganz voneinander zu lassen; eins bedingt eben das andere. Und man tritt gar zum großen Gesellschaftsspiel an auf der Bühne des Schachspiels, das zum Gleichnis des Lebenstheathers sich weitet. Feministisches klingt zwar an, aber Gilla Cardaun wäre nicht die Künstlerin, als die sie sich zeigt, würde sie nicht das Mehrdeutige dem Eindeutigen vorziehen; Ambivalenz gilt auch hier, Offenheit von Deutung und Bedeutung, andererseits aber auch pointierter „Witz“, der bei allem Ernst die Werke der Künstlerin so lustvoll erscheinen läßt. Ich weiß durchaus,das die Domestizierung der Frau durch gewisse Formen der Mode sadistisch und masochistisch geprägt ist – von der einen Seite gewünscht, von der anderen (im Einverständnis?) ertragen - ; und ich will mich durchaus nicht davon freisprechen, dieser Faszination immer wieder zu verfallen. Teresa von Avila, die Gründerin des Karmeliterordens, forderte, daß die ihr Nachfolgenden demutsvoll die Schuhe ablegten, - aber kann man von uns erwarten, daß wir den „Unbeschuhten“ ebenfalls bloßen Fußes in die Fußstapfen treten? Ich meine, es sollte genügen, wenn eine Kunst, wie die von Gilla Cardaun an sich Hand und Fuß hat und uns im übrigen bewußt macht, welch komplexe Gegenstände wir da an unseren Füßen mit uns führen als Zierde und Klotz am Bein zugleich, und daß wir erkennen, beides zu sein : Täter und Opfer.

Wenn der Fetisch-Charakter typisch ist sowohl für Schuhwerk als auch für die Kunst, dann haben wir bei Schuhen als Kunst und Kunst als Schuhen einen doppelten Fetischismus vor Augen - und in Gilla Cardaun dessen große Meisterin.

T. Ulrichs 2002